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Montag, 13. Juni 2011

Lebendig begraben: Im Alters-/Pflegeheim

Geschrieben aus der Sicht von: Gustav

Hilfe!
Holt mich hier raus!

Ich habe Angst.
Angst, daß ich hier nie wieder heraus komme.
Gefesselt an mein Bett.
Nein, nicht mit Gurten gefesselt, sondern mit der unausgesprochenen Drohung,
mich wieder für viele Stunden in einem Rutsch in den Rollstuhl zu setzen!

Ja, man hat mich inzwischen pflegeheimgerecht erzogen.
Dabei habe ich gerade erst die 60 Jahre überschritten.
Ich bin nicht alt!
Aber es ist besser, wenn ich immer im Bett bleibe.
Denn sonst werde ich in den Rollstuhl gehoben
und dann darf ich soo lange darin schmoren,
bis ich aus Verzweiflung versuche,
mein Bett zu erreichen und bei dem
Versuch wieder auf die Schnauze falle.

Warum nur hat man mich auf der Intensivstation ins Leben zurückgeholt?
Damit möglichst viele an mir verdienen?
Denn darum geht es doch - ums Verdienen - Oder?
Denn mir hilft keiner mit dem, was hier mit mir gemacht wird!
Ich als Mensch zähle hier doch weniger als manch ein Tier für den Tierschutz.

Warum nur habt ihr mich nicht nach dem Schlaganfall sterben lassen?

Links zum Thema:
Wikipedia: 2030 - Aufstand der Alten
ZDF-Mediathek: Der Film 2030

Freitag, 17. Dezember 2010

Weihnachtsfeier und Torte:
Wie geht das bei einer Ernährung über eine Magensonde?

Geschrieben aus der Sicht von: Gustav

Heute hatten wir hier, in unserem "Heim der abgegebenen Alten" unsere Weihnachtsfeier.
Am Heiligen Abend, da kann ja wieder keiner kommen, also feiern wir schon heute.
Wir wurden auf unseren Rollstühlen in den Aufenthaltsraum gefahren und warteten der Dinge, die da kommen sollten.

Mein Freund Walter war da.
Und den kann ich austricksen.
So hab ich zugeschlagen, ich pfeife auf meine Magensonde.
Ich will mal wieder schmecken, wie es ist, etwas richtiges zu essen!

Meine Ausbeute waren:

1 Stück Schwarzwälder-Kirschtorte
1 Stück Schoko-Sahnetorte
4 Kekse
1 Mandarine
und eine ganze Tasse Kaffe!

Ich hab gesehen, wie mein Freund Walter litt.
Aber das war mir egal.
Walter denkt an die Vorschriften.
Ich denke daran, daß die mich hier über eine Magensonde füttern und damit Zeit sparen.
Dabei kann ich doch selbst schlucken!
Da ist nix mit Dysphagie wenn mich da nicht mal wieder einer im Liegen füttert!
Warum sieht das denn keiner?!
Daß ich ein wenig kleckerte war mir peinlich, aber was solls -

Mir geht's prächtig!
Aber Walter wird eine unruhige Nacht haben und morgen meinen Bruder fragen, ob mir diese 'Freßorgie' bekommen ist. :-)
Hoffentlich setzt er danach auch mein Doktorchen und die Pflegerinnen hier auf den Pott, damit ich auch etwas von dem Weihnachtsbraten ab bekomme!

Nachtrag vom 18.12.2010
Das Festmahl von Gestern ist mir gut bekommen.
Mir ist nicht schlecht geworden.
Und Magendrücken hatte ich auch keines!

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Ich hatte einen Schlaganfall . . . vor 7 Monaten

(Mein 'Nicht-Impressum')


Geschrieben aus der Sicht von: Gustav

Für dieses Tagebuch bin ich verantwortlich.
Eure Kommentare sind willkommen, auch, wenn ihr etwas zu beanstanden habt.
Nein, eine Telefonnummer oder eine eMail-Adresse kann ich euch leider nicht geben. Schreibt einfach einen Kommentar unter diesem Eintrag und ich werde eventuelle Ungereimtheiten unverzüglich klären.
Zum Schutze der hier im Blog genannten Personen habe ich deren Namen und auch den Ort der Handlung entsprechend verschleiert.
Die Gründe dafür sind ganz einfach:
Fast alle Pflegekräfte tun ihr Bestes; ich bin bemüht, ihnen mit meinen Berichten nicht weh zu tun.

Es ist das System, das marode ist und den Pflegekräften keine Zeit gibt, um die Dienste zu erbringen, die uns Alten ein menschenwürdiges Altwerden ermöglichen.

Am 7. Oktober 2010 begann ich dieses Tagebuch.
Es war der 13. Mai 2010, als mich der Schlaganfall außer Gefecht setzte.
Es war eine schwere Hirnblutung im linken-hinteren Bereich meines Kopfes.
Meine rechte Körperhälfte ist gelähmt, ich habe Schluckstörungen und erhebliche logische Sprachstörungen.
Oh, ich kann schon recht gut sprechen, aber ich weiß nicht, wie ich zum Beispiel das Wort "Gardine" in meinem Gedächtnis finden kann.

Noch kann ich mich auch nicht allein aus dem Bett in den Rollstuhl begeben; dazu brauche ich immer die Hilfe eines recht kräftigen Pflegers, der mich aus dem Bett in den Rollstuhl hebt und später wieder zurück ins Bett bringt.
Und genau dieses Problem der mangelnden Bewegungsfähigkeit ist zur Zeit eines der größten Probleme für mich.
Denn im Bett halb liegend verschlucke ich mich immer wieder, wenn ich einmal etwas essen oder trinken möchte. Deshalb hab ich ja auch immer noch die Magensonde und bekomme zusätzlich meine "Astronauten-Nahrung" aus der Flasche.
Auch beim Sprechen rutscht mir die Zunge durch die halb liegende Position etwas nach hinten in den Rachen und ich spreche dadurch erheblich undeutlicher, als wenn ich im Rollstuhl sitze.

Nach und nach füge ich aus meinen Erinnerungen und aus meinen handschriftlichen Aufzeichnungen das, was ich für lesenswert halte, in diesen Blog ein. Die bisherigen Geschehnisse füge ich unter dem Datum ein, an dem sie geschehen sind. Dadurch erscheinen immer wieder neue Posts in zurückliegenden Bereichen.

So, ich habe es geschafft, ich bin mit meinen Texten im Heute angekommen.
Heute, das ist Sonntag, der 17. Oktober 2010
Aber so ganz fertig bin ich mit meinen bisherigen Texten noch nicht . . .
Mir fällt immer noch das eine oder andere Detail aus der Vergangenheit ein.

Nein, ich schreibe diesen Text nicht selbst.
Ich diktiere ihn nicht einmal.
Es ist ein guter Freund, der für mich schreibt.
Warum?
Einfach weil er mein Freund ist und sich des Dilemmas angenommen hat, in dem nicht nur ich mich befinde. Denn nach gut 7 Monaten kann ich noch immer nicht richtig sprechen und schon gar nicht so ein Ding wie meinen Laptop bedienen.
Meine Familie, meine Freunde und Bekannten, alle die mich kennen sind auch in irgendeiner Form von meiner Krankheit betroffen.
Und sie warten alle auf mein tägliches Bulletin . . .

Mein Freund schreibt zeitweilig auch in der "Ich-Form" von mir und für mich.
Ihr könnt es am "Label" und an dem Text " erkennen, aus welcher Sicht da geschrieben wurde.
Den Grund dafür darzulegen ist ein wenig kompliziert.
Vielleicht glaubt mein Freund, daß er sich so besser in mich hineinversetzen kann und mich somit besser versteht?
Ich weiß es nicht.
Ich weiß Vieles nicht.
Und es sind viele Dinge um mich herum, die ich auch jetzt, nach mehr als 7 Monaten, immer noch nicht verstehe.

Nein, meinen bürgerlichen Namen nenne ich nicht.
Nenne mich einfach Gustav.
Auch der Name meines Freundes, der für mich unter meinem Namen schreibt, der ist unwichtig.
Wer es mag der kann ihn gerne Walter nennen.
Es gibt viele Gründe, die mich und meinen Freund in der Anonymität verweilen lassen.
Ein Grund ist der, daß ich mich sonst vielleicht der Blumen nicht erwehren könnte, die ihr mir vorbei bringen würdet.
Auch Pralinen hätte ich noch nicht so gerne in meiner Nähe . . .
. . . ich werde ja immer noch durch eine Magensonde ernährt.

Oh, bevor ich es vergesse:
Auch auf den realen Ort der Handlungen und auf die korrekten Namen der beteiligten Istitutionen und deren Mitarbeiter könnt ihr euch in meinen Texten nicht verlassen.
- Siehe auch im ersten Absatz dieses Beitrags.
Der Grund?
Nun, meine Aussagen sind Momentaufnahmen, die nur mich betreffen.
Und ich möchte keinem schaden.
So ist es zum Beispiel keinesfalls repräsentativ für ein Pflegeheim, wenn ich hier aus deren Bett gefallen bin.
Es betraf nur mich, und meine Anmerkungen dazu stellen keinesfalls ein Werturteil über dieses Pflegeheim dar.
Aber der Fakt, daß ich bei der ersten Aufnahme in diesem Pflegeheim aus dem Bett gefallen bin und dann mit dem Krankenwagen zur Notaufnahme in das nächste Krankenhaus gefahren wurde, der ist einfach nicht zu leugnen.
Es ist auch gut nachvollziehbar, daß dieser Unfall vermeidbar war und nie hätte passieren dürfen.
Aber die Folgen meines Schlaganfalles hat dieser nachträgliche Unfall weder verschlimmert noch verbessert - so scheint es jedenfalls.
Doch darüber später mehr . . .

So, ich bin jetzt müde . . . bis Morgen!

Montag, 1. November 2010

Mein erster Joghurt aber kein Logopäde . . . . nur Ausreden!

Geschrieben aus der Sicht von: Gustav

Eine der Pflegekräfte hat sich endlich erbarmt und mir etwas "Richtiges" zu essen gegeben. Diese Flüssignahrung durch den Schlauch, das ist ja nix.

Einen ganzen Joghurtbecher hat sie mir Löffelchen für Löffelchen mit viel Geduld in den Mund geschoben.

Warum ich trotzdem sauer bin?
Mein Bruder erzählt mir, daß ihm vor zwei Wochen noch gesagt wurde, ich hätte eine dauerhafte Schluckstörung. Das hätte der Logopäde festgestellt.
Und deshalb könne ich nichts zum Essen bekommen sondern müßte über die Magensonde mit dieser blöden 'Astronautennahrung' ernährt werden.

Hat da irgendeiner aus Bequemlichkeit gelogen?
So eine Fütterei dauert ja auch ganz schön lange.

Kommt deshalb der Logopäde nicht mehr wieder?
Oder hat der Angst vor den MRSA-Keimen?
Oder soll ich auch das Sprechen nicht allzuschnell lernen, weil ja ein stummer Mensch nicht nach den Pflegekräften rufen kann?

Warum hilft mir denn keiner?

Doch, da sind drei, die mir helfen.
Meine beiden Brüder Manuel und Willi und auch mein Freund Walter.
Und jetzt diese Pflegerin, die mich füttert.
Und noch eine, die mich in den Rollstuhl setzt.
Haben die jetzt endlich gemerkt, daß da doch noch Leben in mir ist und daß es sich lohnt, mich wieder fit fürs Leben zu machen?

Sonntag, 31. Oktober 2010

Eine alte Grabsteininschrift

.

Und wenn ich einst gestorben bin, dann schreibt auf meinem Stein:


Freundchen, es bitten die Knochen, nicht hier bei dem Hügel zu pinkeln.
Willst du gefälliger noch diesem hier sein - kacke nicht!
Brennessels Grab siehst du hier; drum verschwinde, du Kacker!
Raten möcht ich dir's nicht, hier zu entblößen den Arsch.



Frei nach einer Übersetzung aus dem Lateinischen.
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Freitag, 22. Oktober 2010

Ein besonderer Tag: Meine erste Fahrt im Rollstuhl

Geschrieben aus der Sicht von: Gustav

"Was soll ein Tag schon bringen, der mit dem Aufstehen beginnt . . ."


Doch, heute ist es ein ganz besonderer Tag gewesen.
Ich hatte meine erste Fahrt in einem Rollstuhl!
Mann-o-mann, war das eine Plackerei.
Bis die mich aus dem Bett raus hatten und in den Rollstuhl verfrachten konnten.
Aber es hat geklappt.
Und ich bin fertig.
Fertig . . . im Sinne von kaputt.

Mein Bruder Manuel kam später vorbei und ich hatte einfach keine Lust ihn zu sehen.
Ich war einfach noch zu kaputt.
Er hat das dann auch gemerkt und verzog sich bald wieder.

Aber da war noch etwas Schönes.
Heute besuchte mich zum Erstenmal meine neue Betreuerin.
Nein, nicht die vom Gericht bestellte, sondern eine, die mich hier bei meinen nächsten Ausflügen mit dem Rollstuhl begleiten soll . . .
Eine, die ich jetzt jeden Tag sehen soll.

Montag, 18. Oktober 2010

Schlaganfall - Wie fühle ich mich danach?

Geschrieben aus der Sicht von: Gustav

Wie ich mich nach meinem Schlaganfall fühle?
Nun, zuerst fühlte ich gar nichts.
Dann träumte ich wilde Sachen und auch davon, daß da so ein Unbekannter an meinem Bett stand, mit dem ich nichts anfangen konnte.

Ich war gefangen, eingesperrt.
Ich konnte mich nicht bewegen.
Ich konnte alles hören, aber ich verstand nichts.

Dann begann ich zu verstehen.
Nein, nicht alles, sondern nur bruchstückhaft.
Ich versuche aufzustehen.
Aber es gelingt mir nicht.
Dann falle ich aus dem Bett.
Und nach einer endlos langen Zeit stehen da plötzlich mir völlig unbekannte Leute um mich herum und tragen mich wieder in das Bett hinein.

Wo bin ich?
Wer oder was bin ich?
Und wer sind diese Fremden Leute?

~ ~ ~

Zur Einstimmung in das Thema Schlaganfall lest einmal ein wenig in diesen Blog:
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Sonntag, 17. Oktober 2010

Kein Schwein und keine Sau interessiert sich für mich!

Geschrieben aus der Sicht von: Gustav

17. Oktober 2010


Wenn ich jetzt laut rufen könnte, dann würde ich schreien:

Kein Schwein kümmert sich um mich,
keine Sau interessiert sich für mich!

REHA?
Hier, im Pflegeheim?
Was ist das?

Seit wann liege ich hier?
Seit dem 16. September 2010!
Und was für ein Datum haben wir heute?
Den 17. Oktober 2010
Das sind 4 volle Wochen gefüllt mit Langeweile, Grübeln und Angst.
Soo lerne ich das Schlucken und Sprechen nie!
Und auch das Rollstuhlfahren nicht!


Warum hilft mir denn keiner?

Einen Logopäden habe ich noch nicht gesehen.
Es ist ja auch viel einfacher, mich mit dem Plastikschlauch über die Magensonde zu ernähren, als mich mühsam mit einem Löffel zu füttern und mir das Schlucken wieder beizubringen!

Mein Bruder versucht mich mit Worten aufzumuntern und auch seine Frau kommt manchmal zu Besuch.
Aber meine eigene Frau hat mich noch nicht ein einziges mal besucht!


Ein Scheiß-Spiel ist das und ich kann noch nicht einmal richtig darüber meckern.
Die verstehen mich ja alle nicht so recht.